...nicht immer anders

Befand sich in unserem Hof. Aber nur für einen Tag. Zu diesem Artikel gibt es übrigens wieder einmal einen Hörtipp:

[Cher: Gypsies, Tramps And Thieves]

 

Früher, als man seine Kinder noch schlagen durfte ohne dafür von den Nachbarn gleich schief angeschaut zu werden, da sagte man zu selbigen (Kindern und Nachbarn) gerne: „Bringt schnell die Wäsche rein, fahrendes Volk kommt!“. Schausteller, Feuerschlucker, Hexen, Gaukler, die Frau ohne Unterleib, kurz alles, was sich heute Schauspieler nennt, haben ab und an ihre Wagen auf dem Dorfplatz geparkt und waren nach der Pest die zweitschlimmste Seuche, die einen rechtschaffenen Bürger treffen konnte.

Das fahrende Volk hat gestohlen was ging und bestenfalls Schulden und uneheliche Kinder zurückgelassen.

Warum erzähle ich euch das? Nun, bei uns im Haus war heute ein Filmteam am Drehen. Wir waren ein Set, eine Shooting Location, wie wir Filmleute dazu sagen.

Begonnen hat alles sehr unspektakulär. Vor vier Tagen hing ein Zettel an der Eingangstüre, in dem mitgeteilt wurde, dass in Bälde ein Filmteam erscheinen würde, um für einen Abend in unserem Hof zu drehen. Einen Film mit dem Titel „Stanislaus Sewinski – Das Dunkel der Nacht“ oder so ähnlich unter Regie der weltberühmten Peter Evins. Oder so ähnlich. Wir wurden weiters angewiesen, all unsere Habseligkeiten aus dem Hof zu entfernen und an dem Tag nicht ins Haus rein oder raus zu gehen und unauffällig, unter möglichst sparsamer Verwendung elektrischen Lichts zu leben, um die Dreharbeiten nicht zu stören. In anderen Worten stand da noch, dass ausnahmsweise davon Abstand genommen würde, uns aus der Wohnung zu entfernen oder die Mieten zu erhöhen. Wenn wir brav bleiben.

Der hohe Besuch hatte zunächst durchaus positive Seiten. Am nächsten Morgen war der Hof aufgeräumt wie nie zuvor und von unserem ansonsten eher lethargischen Hausmeister auf Hochglanz gekehrt.

Als Weltenbürger haben wir Bewohner der Sache keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir sind ganz cool geblieben.

Zwei Tage später waren alle Balkone mit Blickfeld auf den Hof, die nicht am großen Tag von den Bewohnern selbst besetzt werden sollten, vermietet. Die angekündigten Bauchladenhändler mit Würstchen und Bier sind erst am Vormittag des Ereignisses angerückt, kurz nachdem die Polizei einen großzügigen Streifen unserer Straße für die Filmtrucks gesperrt hat. Die Straße liegt im achten Wiener Gemeindebezirk, wo Parkplätze üblicherweise mit Gold oder Blut bezahlt werden.

Ich war zu Beginn leider abwesend und ohnehin nicht sonderlich interessiert, aber wie mir erzählt wurde, war das Volksfest ab Mittag in vollem Gange, vier Stunden vor dem planmäßigen Eintreffen des Filmteams. Die sind dann auch relativ pünktlich um sieben erschienen, wie ich von meinem Platz am Fenster leidlich gut erkennen konnte. Während das sensationsgierig gaffende Volk nichts als Verachtung verdient hat, war ich aus journalistischen Gründen gezwungen, möglichst nah am Geschehen zu sein.

Und selbiges hat uns dann eingeholt. Ein Klingeln an der Türe, und das obwohl uns Besuch strikt verboten war. Zum Glück war es eine Dame vom Film, die meine Theorie von der Castingcouch widerlegt und uns erklärt hat, dass nur von unserem Fenster aus die ideale Totale (wie wir Filmleute das nennen) in den Hof zu drehen wäre. Das ganze dauert nur 10 Minuten, dann sindse wieder weg, die Leutens vom Film. Na klar, bitte immer herein damit.

Also habe ich mit der Kamera Platz getauscht und mich neben den Monitor gestellt. Zwischen Tina (Scriptgirl) und Eva (Regieassistentin). Auf der anderen Seite der Regisseur, Peter wie ich ihn gerne nenne, Bernhard mit dem Ton und der Kameramann Uwe sowie einige andere Personen, die ich fachlich nicht zuordnen konnte und die weiter auch nichts Spezielles getan haben.

Genauer gesagt haben wir alle die nächsten beiden Stunden, nachdem wir bei 10 Grad Außentemperatur das Fenster geöffnet haben, gar nichts getan. Niemand. Eigentlich. Bis auf ein bisschen Sprechfunken und Handytelefonieren. Dann haben wir den Hof, in dem eine Nachtszene gedreht werden sollte, taghell ausgeleuchtet. Dann hat es zu regnen begonnen, was aber – wie mir Tina versichert hat – nicht weiter tragisch wäre.

Also war genug Zeit für investigative Fragen meinerseits. Der Film spielt im Polen der 80er-Jahre, weswegen Peter unseren Hof als ideale Location gescoutet hat. Weil er so schön schäbig ist. „Total Polen in den 80ern“. Das hat gesessen. Und eigentlich ist die ganze Aktion sowieso nur ein Nachdreh. In vier Tagen werden noch mal 10 Minuten Film reingebastelt, um als Spielfilm durchzugehen. Ich habe Peter, der von Minute zu Minute nervöser geworden ist, gefragt, wann der Film ins Kino kommt. Ist noch nicht sicher, ob es nicht doch besser ein Fernsehfilm wird. Das war die Rache für Polen.

Bernhard, der Tonmann, ist ein Idiot, weil er für den Ton so lange gebraucht hat nachdem der Regen aufgehört hat und der andere Bernhard – der Hauptdarsteller – weiß zwar noch nichts davon, aber wird sicher nie wieder engagiert werden, weil er auch ein Idiot ist. Was für ihn aber egal sein dürfte, weil er sowieso keine Gage kassiert.

Meine Frage, ob Bernhard – der Hauptdarsteller - schon mal einen Pornofilm gedreht hat, wurde kopfschüttelnd verneint. Auch mein Vorschlag – in Anspielung auf eine bald anlaufende ORF-Sitcom – einen Porno mit dem Titel „Mitten in der 8ten“ zu entwerfen, wurde von den Filmfuzzies abgelehnt. Zum Glück war kein Bier im Haus.

Während Bernhard, der Hauptdarsteller, meinem Empfinden nach sehr eindeutige Regieanweisungen ziemlich lange nicht verstanden hat, ist eine blonde Schnecke durchs Set gelaufen, was Sandra (zweite Regieassistentin) veranlasst hat, mit Peter zu streiten. Solche Missgeschicke verzögern einen Dreh natürlich. Außerdem wollte Sandra, die Sumpfkuh, andauernd wissen, wie viele Briefe sie in den Postkasten legen soll und wie viele Bernhard (der Hauptdarsteller) dann zerreißen soll, wobei das Peter völlig egal war, weil man in der Totalen vom Hof mit der 4-Millimeter-Kamera genauso gut Babywindeln hätte zerreißen können ohne einen Unterschied zu bemerken. Womit er absolut recht hatte.

Bis auf meine Erkundigungen nach der genauen Funktion der ungefähr 40 Filmleute (ein kleines Team für einen österreichischen Film) habe ich mich unauffällig verhalten, weil ich schön langsam Angst vor Peters Laune bekommen habe. Dann haben sie in unserem Hof noch unnötigerweise eine „Rally Montecarlo“ veranstaltet, was immer das ist aber laut Peter egal war, weil die restlichen Szenen sowieso nur noch Nahaufnahmen wären. Es hat nur den Dreh etwas verzögert.

Schließlich war es soweit. Die Nerven zum Zerreißen gespannt. Sandra hat die Klappe endlich gehalten und dann geschlagen und Bernhard, der Idiot und Hauptdarsteller, ist auf Krücken durch den Hof gehumpelt um seinen Postkasten zu öffnen und die Briefe darin zu zerreißen. Meiner Meinung nach eine Schlüsselszene, wie mir von Eva auch sofort bestätigt wurde.

Die Einstellung hat geschätzte 20 Sekunden gedauert. Maximal. Wir haben dann zur Sicherheit noch eine zweite geschossen. Dann war der Spuk vorbei und die Crew am Weg nach draußen. Unsere Wertsachen sind noch am Platz, wir haben sogar etwas gewonnen: Die Erkenntnis, dass Filmen gar nicht so lustig ist, wie ihr Laien vielleicht glauben mögt.

Die Szene wird übrigens wahrscheinlich nie in den Film geschnitten werden. Aber das entscheidet letztendlich Peter. Und das ist gut so. Sagt Tina.

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