...hier stehe ich....

Eins muss euch klar sein, so werdet ihr es nie schaffen.

Für viele von uns ist es nach wie vor kein Verbrechen Musik aus dem Internet herunterzuladen bzw. von einem Freund zu borgen. Und solange sich das nicht ändert, werden wir es weiter tun. Der einzige Ausweg ist, das Unrechtsbewusstsein der Konsumenten zu wecken.

In meinen Augen ist die Demokratisierung des Startums, wie es derzeit von beinahe allen Fernsehsendern praktiziert wird, ein erster – grundvernünftiger - Schritt. Sobald wirklich jeder seine eigene CD am Markt hat, wird keiner mehr die von anderen herunterladen, ist doch logisch. Nachdem in Deutschland aber erst 15 % aller Einwohner einmal in den Charts vertreten waren, herrscht nach wie vor enormer Aufholbedarf.

Abhilfe könnte hier eine Computersimulation schaffen, die z.B. jeder gekauften Musik-CD gratis beiliegt. Sobald der durchschnittliche Konsument einmal das harte Leben eines Popstars nachvollzogen hat, wird er es sich 3x überlegen, ob er dem Star die hart verdiente Butter vom Brot stiehlt.

Beginnen tut man als Nobody. Wahlweise kann man sich anfangs zwischen schwarzem Mittelstandskind (Hip-Hop), weissem Mittelstandskind (Rock) oder Mittelstandstussi (Pop) entscheiden. Nicht dass diese Wahl die Karriere in irgendeiner Weise vorbelasten würde, Imagekorrekturen sind jederzeit möglich und ab und an sogar notwendig. In der Gaderobe dürft ihr euch dann das passende Outfit zulegen. Das macht einen Heidenspass, ist aber natürlich auch „total-mega-anstrengend“. Versteht sich, Popstar sein, ist kein Spass nicht.

Nachdem man die Widrigkeiten der Castingcouch hinter sich gebracht und sämtliche Mitbewerber(innen) ausgestochen hat, kann man damit beginnen ein Image zu kreiren. Dazu gehören nicht nur leichte Anpassungen des Aussehens und Auftretens, es muss auch festgelegt werden, wen man gut findet (z.B. Madonna), wen man hasst (z.B. Britney Spears), welche Musik einen bisher beeinflusst hat (z.B. Bob Marley und Led Zeppelin) und wie das Verhältnis zu den eigenen Eltern ist (gut oder schlecht).

Während ein Ghettorapper seiner Mutter über alles liebt, muss eine Pussy-Pop-Punk-Göre mindestens ein (nicht näher definiertes) „schwieriges“ Verhältnis zu ihren Erzeugern haben. Rocker lassen die Mutter am besten ganz aus dem Lebenslauf heraus und sprechen von ihren Vätern als wären diese bei der Oktoberrevolution dabeigewesen.

Falls ihr jetzt einwerft, dass ich etwas vergessen habe, dann liegt ihr falsch. Das vermeintlich wichtigste – die Musik – ist in Wirklichkeit scheissegal. Mal ehrlich, wer von euch weiss zwar, mit wem Britney Spears gerade im Bett ist, kennt aber den Titel ihrer neuesten CD nicht? Genau. Musik ist Nebensache, auch im Musikbusiness.

Mischpulte sind für euch nur dazu da, euch vor oder auf ihnen (je nach Image) zu postieren und ein bisschen dämlich zu grinsen, wenn die Promotion-Fotos für eure CD gemacht werden. Für den Rest habt ihr Manager und Producer.

Aber Vorsicht! Es ist ja nicht so, dass ihr gar keinen Einfluss auf euer Album haben würdet, immerhin durftet ihr die Texte „inhaltlich mitbestimmen“ oder sowas in der Richtung.

Nachdem eure erste CD in die Charts geschossen ist, kommt die erste wirkliche Hürde im Spiel. Das „Ich hab mich gar nicht verändert“ Level. Dabei müsst ihr mit alten Freunden für verschiedene Magazine posieren und so tun, als wärt ihr noch immer Freunde. Zum Kotzen, aber notwendig, wegen der Credibility. Wer will schon einen abgehobenen Star? Also zurück zu Mama in die Küche (Vorsicht! Aufs Image achten) und Kekse für alle Freunde backen. Die ehemaligen Freunde sind meist schon durch wenig Geld und das versprechen sie nie wieder zu belästigen dazu bereit auszusagen, wie wenig man sich nicht verändert habe. Das einem neuerdings die Freunde vom Manager ausgesucht werden braucht man hier ja nicht zu erwähnen.

Jetzt wird es aber langsam Zeit eine 2. CD aufzunehmen. Am Besten man Covert etwas von Bob Dylan (Knocking  on Heavens Door ist tabu, ansonsten ist alles ok). Alternativ kann man auch einen alternden Rockstar featuren, oder zumindest Samples einbauen. Ist billig, gut fürs Image und eventuell färbt der Ruhm ein bisschen ab. Weil mittlerweile schon die nächste Generation von hinten auf den Starthron drängt, muss man mit Pseudonacktfotos und Skandälchen für Aufmerksamkeit sorgen. Im Spiel muss man eigentlich gar nichts tun, weil man ja einen Produzenten und einen Manager hat, die sich diese Dinge für einen einfallen lassen.

Na gut, die 2. CD floppt immer. Die guten Songs hat der Produzent schon an ein jüngeres und hipperes Sternchen versprochen, und die 30 Coverversion von Knocking on Heavens Door (warum die immer den gleichen Fehler machen) will auch niemand hören. Aber nicht verzagen. Jetzt gibts erst mal eine experimentelle CD bei der man „an einigen Songs mitgeschrieben hat“, ein bisschen crazy ein bisschen unkonventionell ein bisschen ein Flop. Also nichts wie in die Kreativpause.

Es ist hart und eine spielerische Herausforderung, aber jetzt heisst es erst einmal 6 Monate die Füsse still halten. Kein Mucks. Und dann müssen – sofern sie einen noch nicht vergessen haben – Produzent und Manager für die richtige Dosis an Information in der Öffentlichkeit sorgen. Ist die Aufmerksamkeit wieder hergestellt (wieder kleine Skandälchen, Gerüchte über Drogenentzug etc.) ist plötzlich von einem Comeback die Rede, von der kompletten künstlerischen Neuorientierung („Ich habe in der stillen Zeit einige Songs geschrieben“) und dem Willen es wieder ganz nach oben zu schaffen („Diese jungen Stars sind alle so künstlich und ohne Substanz“).

Eins ist klar, all die Vergleiche mit Madonna, Ice Cube oder den Stones waren nur geheuchelt. Die Musikkritiker sind mindestens genauso bescheuert wie die Konsumenten, und daher müssen sie sich auf solche Vergleiche verlassen. Nach dem 4. Album (das erneut furchtbar gefloppt ist) ist definitiv Schluss mit der Karriere. Jetzt beginnt die wirkliche Härte des Spiels. Man muss sich mit den verdienten Millionen über Wasser halten, weil man zuvor die Schule abgebrochen hat, weil „ich mich jetzt mal voll der Karriere widmen will“. Und hier wird deutlich, wie soll man sich den so schwer erworbenen Lebensstil erhalten, wenn wir (also die Konsumenten) das Zeug nicht kaufen, sondern von Tauschbörsen beziehen? Glaubt ihr denn wirklich, dass man von Radiotantiemen Leben kann?

Eins ist uns jetzt klar, das Leben als Star ist nicht so einfach, wie wir es uns ausgemalt haben. Und dabei wurden in diesem Spiel noch nicht einmal Widrigkeiten wie das Drehen von Kinofilmen, das Engagement für Tierschutzverbände und UNICEF erwähnt. Diese Menschen opfern ihr Privatleben, um uns zu unterhalten. Sie verlieren ihre alten Freunde und was bekommen sie dafür? Kann man Freundschaft mit Millionen aufwiegen? Ist es wirklich zu viel verlangt von 40 Stunden Arbeit pro Album in einem Tonstudio ein Leben lang gut leben zu können? Denkt daran, dass sich Jennifer Lopez bei ihrer Hochzeit nur 20000 handgedrehte Kerzen leisten konnte, weil ihr euch ihre Lieder aus dem Internet geladen habt. Und wenn sich Eminem nicht alle Häuser kaufen kann in denen Elvis einmal geschlafen hat, dann liegt das daran, dass seine CD in den Brennern eures Freundeskreises rotiert und nicht in den Charts!

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